MohlenLeuchten ein Rundgang

 TG Flyer vorn

Goldstückchen im Café Spund
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Diese Tischleuchte hat sich einen historischen gastronomischen Ort für ihren glänzenden Auftritt ausgesucht. Das Café Spund war das erste schwule Tagescafé in Deutschland. Jürgen Hauptmann hatte es 1974 gegründet. Früher sorgten das Café und die Outfits mancher Gäste für Empörung, hat er einmal erzählt. Heute ist dieser Ort vor allem exotisch, weil sich in seinem Hinterhof ein grünes Innenstadt-Paradies befindet. Mit einer haushohen Pappel, die sich nicht für das Treiben innerhalb und außerhalb des Cafés interessiert, sondern zu allen Zeiten Haltung bewahrt hat.

Goldstückchen ist eine Lampe mit einem eher extrovertierten Charakter. Von Kopf bis Fuß auf Glanz eingestellt. Ziemlich laut und auf den ersten Blick recht bling-bling. Doch in Wahrheit eher eine zarte Seele, deren goldene Plättchen, die an den Saum genäht wurden, bei kleinster Berührung mit einer sanften Melodie antworten. Goldstückchen wird sich an diesem Ort verstanden wissen.

Coco, Dita und Irma am Ort der Sinne
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Guter Wein erfordert alle Sinne. Vom ersten Blick über das Geräusch des Öffnens der Flasche bis zum Moment der ersten Begegnung an Nase und Gaumen. Daher haben sich Coco L’ Amour, La Dita und Irma La Rouge das Schaufenster dieses Geschäfts als temporäre Heimat ausgesucht. Schließlich treten sie am liebsten vor einem geschmackssicheren Publikum auf.

Diese Leuchten sind Teil einer Kollektion, welche der Burlesque-Kunst gewidmet ist. Jener traditionsreichen Variante des getanzten stilvollen Ausziehens, bei der es stets eher um augenzwinkernde Andeutungen geht statt um nackte Tatsachen. Mit Tupfentüll, Netzstrumpfhose und Federn in klassischer Farbwahl ist Coco eine Reminiszenz an die legendäre französische Modemacherin Coco Chanel. La Dita posiert dagegen sehr lasziv mit Schleifen und Strumpfbändern auf champagnerfarbener Seide. Als frivolste Schwester inszeniert sich Irma La Rouge in unübersehbarem Pink. Nostalgisch, sündhaft und extravagant. Gegen einen edlen Tropfen hat dieses Trio ganz sicher nichts einzuwenden.

Hamburger Häkelkristall und baltische Meeresbrise
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Es trifft sich gut, wie sich in diesem Schaufenster zwei besondere Botschafter begegnen. Eduard Yurist brachte vor einigen Jahren eine Spezialität aus seiner Heimat Lettland nach Hamburg: Seifen. Handgemacht. Wie die Leuchten-Kunst von Deike Scharnberg. Rund 70 Sorten hat er im Angebot. Von Honigduft bis baltischer Meeresbrise.

Hier fühlt sich das Lampen-Modell Häkelkristall wohl. Eine zierliche Tischleuchte auf robuster Basis. Sie steht auf einem Kristallfuß mit floraler Bronzefassung. So einzigartig, dass kein übergroßer Lampenschirm davon ablenken soll. Stattdessen schlüpfte sie in ein hautenges Häkelkleid aus goldenem Lurexgarn. Dazu ein purpurner Innenschirm aus indischer Seide mit Blütenornamenten. Ein besonderes Licht für einen besonderen Laden, der in einer besonderen Straße seine Heimat gefunden hat.

Auf ein Getränk mit Primera
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Primera musste lange Zeit ohne Namen auskommen. Sie ist die erste Leuchte, welche Deike Scharnberg kreierte. Nachdem eine Freundin ihr sagte, dass sie ein gutes Händchen für das Umgestalten, Umarbeiten und Neuentdecken von Leuchten habe. Primera erhielt damals einen Schirm aus Leder und durchlief, wie jedes bezaubernde Geschöpf, sehr unterschiedliche Phasen. Jetzt darf sie strahlen. Mit ihrem eigenen Namen. Solange sie mag.

Das Mohle Mio ist das gastronomisches Herz und die kommunikative Schaltzentrale der Mohlenhofstraße. Wir treffen uns bei Rita, sagen Anwohner oder Freunde nach der Arbeit. Damit ist zweifellos die Inhaberin gemeint, die zwar gerne sagt, dass sie nicht so gut höre, dafür aber doch ziemlich alles mitbekommt. Hier an diesem Ort entstehen Geschichten und manche davon überdauern Jahrzehnte. Im Mohle Mio kommt alles zusammen. Romantischer Kerzenschein, zeitlose Kronleuchter oder grelle Scheinwerfer. Ganz so wie die Gäste. Ein besonderer Ort. Für die Lampe Primera ist er erste Wahl.

La Paillettes reines Gewissen
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Bunte Pailletten und ein in Falten gelegtes goldenes Unterkleid. Eigentlich wenig verwunderlich, dass sich das Leuchten-Modell La Paillette die Textilreinigung als Ausstellungsort ausgesucht hat. Denn hier nimmt man sie zur Auffrischung nach einer schwungvollen Partynacht stets sehr freundlich entgegen.

La Paillette kam ursprünglich etwas altmodisch daher. Deike Scharnberg schneiderte ihr jedoch ein Kleid aus Gold, Lila, Grün und Blau. Für einen illuminierten Glamour-Auftritt, bei dem sie sich neu in Szene setzen kann. Hier in der Reinigung klappt das ganz gut. Pro Stunde drehen im Durchschnitt etwa 15 Anzüge oder 20 Kleider ihre Runden in der großen Maschine in der Mitte des Raums. Und La Paillette, die glänzende Lady, schaut fasziniert mit still-leuchtendem Blick zu.

Sareena und das indische Liebesabenteuer
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Ganz sicher kein Zufall, dass sich die Leuchte mit Namen Sareena hier befindet. Eigentlich stammt sie auch Bergedorf. Zumindest hatte sie Tante Vera von dort hier in die Mohlenhofstraße gebracht. Eine Lampen-Schönheit, an der die Zeit nicht ganz spurlos vorbei zog. Das alte apricotfarbene Kleid wurde daher durch ein exotisch-feines blaugoldenes Muster aus einem indischen Sari ausgetauscht. Dazu türkisfarbene Dupionseide und goldene Fransen.

Okzident trifft Orient. Onyx aus einem Hamburger Zuhause verbindet sich mit einem traditionsreichen Gewand, mitgebracht aus dem fernen Indien. Die Liebe zum Detail ist grenzenlos. Und stets eine Reise zwischen exotisch und selbstverständlich. Auch das kennt man in der Mohlenhofstraße. Und manch einer, der schon seit Jahrzehnten hier lebt, weiß noch von der sehr mondänen Dame, die gegen Bares Herrenbesuch empfing. Ihre Wohnung und wohl auch ihr Herz teilte sie mit einem Geparden. Dieser soll aufgepasst haben, während sie die Männer vernaschte.

Himbeermich – Licht zwischen Frühaufstehern und Vitaminen
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Diese filigrane Standleuchte hier an der Tür ist ein recht sattes Farberlebnis. Vermutlich aus den 60er Jahren stammend, wurde Himbeermich von Deike Scharnberg gereinigt, der ursprünglich cremefarbene Lampenschirm von seiner Takelage befreit und anschließend in dieses prägnante Rot gefärbt. Mit neuen goldenen Bordüren und Fransen ist diese Standleuchte nun im Paradies von Früchten und Gemüse zu Hause. Aus mehrfacher Sicht der perfekte Ort für einen perfekten Auftritt zur himbeerfarbenen Erleuchtung.

Denn hier benötigt man  – vor allem in der dunklen Jahreszeit – schon sehr früh am Tage Licht. Nur wenige Stunden nach Mitternacht beginnt die Arbeit. Ware wird frisch vom Großmarkt geholt, kommt in die Auslagen oder wird zur Auslieferung in umliegende Firmen vorbereitet. Obst und Gemüse verwandeln sich in Mitnehm-Salate oder Säfte. Keine Massenware, alles wird selbst von Hand gereinigt und verarbeitet. So wie die Lampe Himbeermich, die hier die nächste Zeit jedes einzelne Vitamin in ein gesundes Rot taucht.

Leuchtgefieder, Runway und Hackenzusammenbrüche
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Sie sei eine Art Runway zwischen Mönckebergstraße und HafenCity. Das sagte vor einigen Jahren Axel Friederici, Anwalt im Chilehaus und Mitglied der IG Kontorhausviertel e.V, über die Mohlenhofstraße. Ja, sie ist ein Runway. Mit sehr verschiedenen Augenblicken. Vor allem dann, wenn man der Schuster an dieser pflasterbesteinten Piste ist. Bei ihm landen heruntergekommene Absätze ebenso wie akute Hackenzusammenbrüche. Und er ist einer der wenigen Fachleute in der Stadt, die auch noch das Handwerk des Rahmennähens beherrschen.

Bei ihm fühlen sich die Tiffy-Leuchten ausgesprochen wohl. Schließlich hat der Schuster allein aus beruflichen Gründen einen stark ausgeprägten Sinn für den Wert von Handarbeit und Materialien der Natur. Die Tiffy-Leuchten sind Exoten im urbanen Lampen-Dschungel. Ein ziemlich bunter Haufen. Mal im warmen Rot, im leicht unterkühlten Blau oder im optimistisch-grünen Federkleid. Als Tiffy-Familie machen sie gemeinsam strahlende Sache. Als Individualistin ist jede Tiffy ein Hingucker mit besonderer Persönlichkeit. Und wird beim feinsten Hauch zur flatterhaften Angelegenheit.

Hier beim Schuster fühlen sich diese Leuchten ausgesprochen wohl. Im Fenster dürfen sie im Takt des Tages mitschwingen und heben trotz handgefertigtem Federkleid nicht gleich ab. Eine Tiffy schätzt halt auch Bodenhaftung.

Stehkaffee und Standleuchten
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Kaffee. Brötchen. Tee. Kuchen. Zur Arbeit oder mit nach Hause. Die Lampen-Modelle Häkelglanz, Saree und Goldstück möchten eine Weile hier in der Stadt-Bäckerei bleiben. Als besonderes Stand-Ensemble einer Ausstellung. Da ist beispielsweise Saree, eine Leuchte aus der Zeit, in der die Backsteinwohnhäuser der Mohlenhofstraße entstanden. Gebaut zwischen 1935 und 1937 nach den Entwürfen des Architekten Rudolf Klophaus. Heute stehen sie unter Denkmalschutz. Die Häuser. Nicht die Lampen. Seitdem haben sich die Bäckerei, die Straße und auch die Leuchten sehr verändert. Saree erhielt beispielsweise einen blau-gelben Bezug aus dem Stoff eines indischen Sari aus Pune. Häkelglanz ist die große Schwester von Häkelkristall, die Sie in einem der Schaufenster gegenüber entdecken können. Sie mag es irgendwo zwischen 60er Jahren und zeitloser Eleganz. Und das 80er-Modell Goldstück hat sich mit einem Metallic-Stoffschirm sowie 360 handgefertigten Goldpailletten deutlich veredelt.

Ein kleines unverwechselbares Stück Stadtarchitektur ist sie. Die Mohlenhofstraße. Ein Ort  vieler Begegnungen und Veränderungen. Vor einigen Jahren übernahm Familie Polat diese Filiale. Die lange Tradition dieses Orts wollte die Familie erhalten. Und so ist die Stadt-Bäckerei bis heute ein Anlaufpunkt für Handwerker, Angestellte, Manager, Rentner, Pendler, Touristen oder Anwohner. Vom frühen Morgen bis zum Abend. Bei jeder Stimmung. Bei jedem Licht.

 

Dieses Schaufenster wurde Deike Scharnberg freundlicherweise für ihre Ausstellung zur Verfügung gestellt. Seit vielen Jahren lebt und arbeitet die Künstlerin hier im Kontorhausviertel. Jede ihrer Leuchten ist ein handgefertigtes Unikat.  Einige von ihnen werden die Mohlenhofstraße bis zum 23. Dezember zusätzlich erstrahlen lassen. Optisch und charakterlich sehr unterschiedlich. Wie die Menschen, die in dieser Straße leben und arbeiten.

Weitere Leuchten und Details zur Straße entdecken Sie in den anderen Schaufenstern.

Texte:
Die Investitur.
Mohlenhofstraße. Hamburg.